Wie wird eine 500 Jahre alte Skulptur für die Zukunft bewahrt? Welche Technik steckt hinter der Präsentation mittelalterlicher Glasmalerei? Anlässlich des Internationalen Museumstages am 17. Mai 2026 werfen wir einen Blick hinter die Kulissen der städtischen Museen und beleuchten ein Arbeitsfeld, das Ihnen normalerweise verborgen bleibt: die Restaurierung.
In unserem Interview berichtet die leitende Restauratorin des Museum Schnütgen Andrea Hünteler über die Vielseitigkeit ihres Berufslebens.
Werdegang und Spezialisierung
Wie lange arbeiten Sie schon als Restauratorin? Und können Sie "alles" reparieren oder mussten Sie sich spezialisieren?
Ich musste mich tatsächlich sehr früh festlegen, da jeder Fachbereich hochgradig komplex ist. Jedes Material – ob Stein, Holz, Metall oder Textil – hat seine ganz eigene Spezifik. Ich selbst bin Gemälde- und Skulpturenrestauratorin. In meiner Ausbildung musste ich erst drei Jahre Vorpraktikum absolvieren, bevor ich an der TH Köln sechs Jahre lang studiert habe. Inklusive des Vorpraktikums bin ich nun seit 33 Jahren in diesem Beruf tätig.
Wie viele Restaurator*innen arbeiten hier im Museum Schnütgen?
Wir sind zu dritt. Meine beiden Kolleg*innen haben jeweils halbe Stellen im Bereich Textil- bzw. Metallrestaurierung. Da wir nicht alle Materialgruppen selbst abdecken können, betreue ich andere Gruppen wie Elfenbein oder Buchmalerei kommissarisch und arbeite eng mit spezialisierten Freiberufler*innen zusammen.
Das Anforderungsprofil eines*einer Restaurator*in
Neben handwerklichem Geschick: welche Eigenschaften sollte man für diesen Beruf unbedingt mitbringen?
Viele denken zuerst an Geduld, und die ist wichtig. Aber am entscheidendsten ist ein tiefes Materialinteresse und der Drang, ins Detail zu schauen. Man muss wissen wollen: "Was steckt dahinter?"
Der Beruf ist eine Mischung aus vielen Disziplinen:
- Naturwissenschaft: Man muss beispielsweise verstehen, wie Ölfarben trocknen oder wie Lösungsmittel Oberflächen beeinflussen.
- Technik und Fotografie: Bildgebende Verfahren zur Dokumentation sind essenziell.
- Improvisationsfreude: Da man viele Aufgaben zum ersten Mal macht – etwa wenn Materialien sich auf eine Weise verhalten, die Sie nicht erwartet haben – muss man kreativ Lösungen finden.
Die tägliche Arbeit als Restaurator*in
Viele Menschen stellen sich einen*eine Restaurator*in den ganzen Tag mit einem feinen Pinsel vor der Leinwand vor. Wie sieht Ihr Alltag im Museum aus?
(Lacht) Tatsächlich sitze ich nur selten mit dem Pinsel da. Ein großer Teil meiner Arbeit ist planerischer Natur und Ausstellungsmanagement. Ich bin unter anderem die Schnittstelle zu Ausstellungsgestalter*innen und Schreiner*innen, wenn es um den Bau von Sockeln oder Vitrinen geht. Es muss sichergestellt sein, dass die Konstruktion nicht nur gut aussieht und nicht vom Ausstellungsstück ablenkt, sondern auch funktional ist – zum Beispiel, dass schwere Gewichte im Sockel für Stabilität sorgen oder dass die Beleuchtung im Inneren keine Hitze entwickelt. Es ist viel Koordination, Dokumentation und auch Improvisation gefragt, wie die Sicherung eines wackeligen Kopfes mit Gummibändern während der Leim trocknet.
Haben Sie ein Lieblingsstück hier im Museum?
Unter anderem ist diese Triumph-Kreuzgruppe einer meiner Lieblinge. Sie ist endlich wieder in der Sammlung zu sehen, nachdem sie längere Zeit im Depot lag. Die Figuren hängen sehr hoch, sind aber ursprünglich auch für diese Höhe konzipiert worden. Sie stammen aus Frankreich. Wenn man die Gelegenheit hat genauer in ihre Gesichter zu schauen (dafür müsste man jedoch auf eine Leiter steigen) sieht man, wie besonders berührend die Art der Gestaltung ist. Die Gesichter sind sehr grafisch, zeitgleich aber wahnsinnig ausdrucksstark.
Ein weiteres Stück, an dem mein Herz hängt, ist die "Trauernde Maria". Sie hat so eine schöne Körperhaltung und einen besonderen Gesichtsausdruck. Er sieht eben nicht nach Trauer aus, anders, als der Titel vermuten lässt. Sie hat etwas "Untrauriges", fast Heiteres. Das gefällt mir besonders gut.
Sicherheit versus Ästhetik im Ausstellungsraum
Im Museum stehen viele Holzskulpturen frei im Raum, ohne schützende Vitrine. Ist das aus restauratorischer Sicht nicht problematisch?
Es ist komplex: Jede freie Aufstellung bedeutet eine Gefahr durch Verschmutzung. Staub bindet sich mit der Zeit an die Oberfläche und lässt sich dann kaum noch ohne Spuren entfernen. Wobei wir das Verschmutzungsrisiko noch als tragbar bezeichnen. Größer ist das Risiko, dass Besucher*innen versehentlich zum Beispiel mit einem Reißverschluss oder Ärmel am Objekt hängen bleiben und es beschädigt wird.
Dennoch ist es die Philosophie unseres Hauses, die Stücke so weit wie möglich frei zu zeigen, um ein unmittelbares Erlebnis zu schaffen. Wir sichern die Stücke durch spezielle Sockelkonstruktionen, die die Werke oft unsichtbar halten – wie genau, verrate ich aber nicht! (lacht) Dies dient jedoch nicht nur dem Schutz des Ausstellungsstücks. Denn am Ende gilt immer: Die Sicherheit der Menschen geht vor. Ein umstürzendes Kunstwerk darf niemanden verletzen.
Die Ethik der Restaurierung
Sie haben eine Skulpturengruppe des spätmittelalterlichen Bildhauers Meister Arnt restauriert, die nach Jahrzehnten in Privatbesitz stark beschädigt ins Museum kam. Wie gehen Sie vor, wenn Sie unter einer neueren Farbschicht plötzlich Fragmente der ursprünglichen Fassung entdecken?
Das ist eine schwierige, aber auch interessante ethische Entscheidung. Bei der Arnt-Figur ist neben der Farbschicht aus dem 19. Jahrhundert auch ältere, originale Farbgebung zu sehen. Früher hätte man vielleicht alles "Neue" entfernt, um den Urzustand wiederherzustellen. Heute machen wir das kaum noch, weil die Schichten darunter oft sehr beschädigt sind und eine vollständige Freilegung kaum bezahlbar wäre. In diesem Fall haben wir uns bewusst entschieden, die Fehlstellen in der neueren Schicht nicht zu überdecken, sondern das Original darunter sichtbar zu lassen. So bleibt die Geschichte des Objekts ehrlich und ablesbar, anstatt eine makellose Neuwertigkeit vorzutäuschen. Der Fokus liegt darauf, "farblich zu beruhigen" anstatt zu "kaschieren".
Was genau meinen Sie damit?
Mein Ziel ist es, dem*der Betrachter*in ein ruhiges und klares Gesamtbild zu vermitteln, damit er*sie das Werk erleben kann, ohne von Schäden abgelenkt zu werden. Das heißt, wir passen Fehlstellen farblich an das Original an. Aus der normalen Betrachtungsdistanz wirkt die Fläche dann einheitlich. Geht man jedoch ganz nah ran, soll man die Ergänzung erkennen können. Diese Ehrlichkeit ist uns wichtig: Wir lassen dem Stück seine Alterung und seine Geschichte, sorgen aber dafür, dass die Ästhetik wieder zur Geltung kommt.
Man kann nachlesen, dass die vier Propheten-Skulpturen eine absolute Seltenheit im Museum Schnütgen sind. Was macht sie so besonders?
Das Besondere ist ihre entstehungszeitliche Fassung. Holzskulpturen waren früher "Gebrauchsgegenstände" der Kirche. Wenn sich die Mode änderte, wurde zum Beispiel das Gewand einer Maria einfach neu übermalt – mal blau, mal gold. Dass wir hier Skulpturen haben, die noch genau die Farben tragen, die sie zur Zeit ihrer Entstehung im 15. Jahrhundert erhielten, ist eine absolute Rarität und ein großes Glück für unsere Sammlung.
Konservierung und Technik im Museumsraum
Ein Museum in einer ehemaligen Kirche bietet eine tolle Atmosphäre, bringt aber klimatische Herausforderungen mit sich. Wie schützen Sie empfindliche Objekte wie Textilien oder Handschriften in diesem Umfeld?
Das ist in der Tat eine große Herausforderung. Wir haben hier eine Luftfeuchtigkeit von etwa 50 Prozent, was für die Kunstwerke gut ist, aber an kalten, einfach verglasten Fenstern im Winter zu Kondenswasser führen kann. Für besonders empfindliche Stücke wie Textilien oder Buchmalereien bauen wir Spezialkonstruktionen. Textilien sind extrem lichtempfindlich, da die natürlichen Farbstoffe durch UV-Strahlung ausbleichen. Deshalb nutzen wir gedimmte LED-Beleuchtung und überwachen alles mit sogenannten Data-Loggern, die Klimadaten per Funk an meinen Rechner senden. Bei der Präsentation alter Handschriften achten wir sogar darauf, dass der Vitrineninnenraum aus speziellen Metallen bestehen, weil zum Beispiel Ausdünstungen von Holzkonstruktionen auf Dauer das Pergament schädigen würden.
In der aktuellen Ausstellung "Licht in dunklen Zeiten" zeigen Sie auch Glasmalereien aus dem Khanenko Museum in Kiew als Leihgaben. Warum ist die Präsentation von Glas technisch so aufwendig?
Glasmalerei muss hinterleuchtet sein, damit sie wirkt. In unserer Dauerausstellung nutzen wir dafür eine Kombination aus Tageslicht und künstlichem Licht. Das Problem bei künstlichem Licht ist, dass man die Lichtquelle oft als Punkt sieht. Deshalb haben wir eine komplexe Technik mit Streufolien installiert, die wir wie einen Vorhang herunterfahren, um das Licht gleichmäßig zu verteilen. Zudem ist Glas im Gegensatz zu Holzskulpturen extrem gefährdet: Ein Bruch kann unter Umständen einen Totalschaden bedeuten. Deshalb sind diese Stücke hinter zusätzlichen Sicherheitsscheiben geschützt.
In der Werkstatt
Man sieht hier etwas auf dem Tisch, das aussieht wie ein Wasserfarbkasten aus der Schulzeit. Werden Kunstwerke im Museum tatsächlich mit gewöhnlichen Farben restauriert?
Unter anderem mit Aquarellfarben, ja. Sie sind ein klassisches Retuschiermittel und werden oft für die letzten Farbschichten auf einer Palette gemischt.
Sie dokumentieren alle Erkenntnisse, die Sie im Laufe der Restaurierung erlangen. Warum ist die detaillierte Dokumentation von Untersuchungen so wichtig?
Damit man auch in 150 Jahren noch genau weiß, was gemacht wurde. Es wird alles festgehalten: vom Material bis hin zu mikroskopischen Farbschichten, die im Querschnitt wie ein Sandwich die verschiedenen Überarbeitungsphasen der Jahrhunderte zeigen.
Kommt es vor, dass durch moderne Untersuchungen alte Erkenntnisse korrigiert werden müssen?
Absolut. Ein Beispiel: Es gibt eine Skulptur, von der man jahrelang dachte, dass es sich bei dem Material des Korpus um Eichenholz handelt. Und siehe da: In einer neuen Untersuchung wurde es als Nussbaum identifiziert. Solche Daten werden dann in der Datenbank korrigiert.
Wie funktionieren Leihgaben unter Museen? Welche Arbeit gehört dazu?
Wenn wir eine große Sonderausstellung machen, dann erhalten wir viele Leihgaben. Es wird für jedes Stück ein Zustandsprotokoll angefertigt. Darin wird genau festgehalten, wie das Objekt ankommt und wie es das Haus wieder verlässt. Auch das gehört zu meiner Arbeit. So sichern wir uns ab. Teilweise habe ich hier reihenweise Ordner mit den Zustandsprotokollen sämtlicher Leihgaben einer Sonderausstellung stehen.
Das Museum arbeitet an einer "Online Collection". Was ist das Ziel dieses Projekts?
Das Ziel ist es, unser Wissen allen Interessierten frei zur Verfügung zu stellen. Die Sammlung soll für die Öffentlichkeit und Forschende digital geöffnet werden. Man kann dann online Informationen und aktuelle Fotos zu den Objekten abrufen, ähnlich wie es die Staatlichen Museen zu Berlin bereits machen.
Darauf freuen wir uns! Vielen Dank, dass wir Ihnen über die Schulter schauen durften und für die spannenden Einblicke in Ihre Arbeit.
Die aktuelle Ausstellung "Licht in dunklen Zeiten" ist bis zum 11. Oktober 2026 im Museum Schnütgen zu sehen. Die Sonderausstellung "Glaube mit Humor" läuft bis zum Internationalen Museumstag am 17. Mai 2026.